Franz Kafka erklärt in seinem Tagebuch die jüdische Literatur in Warschau oder in Prag mit dem Begriff der „kleinen Literatur„. Die kleine Literatur ist nicht die Literatur einer kleinen Sprache, sondern die einer Minderheit, die sich einer großen Spr ...
Franz Kafka erklärt in seinem Tagebuch die jüdische Literatur in Warschau oder in Prag mit dem Begriff der „kleinen Literatur„. Die kleine Literatur ist nicht die Literatur einer kleinen Sprache, sondern die einer Minderheit, die sich einer großen Sprache bedient. Nach Deleuze und Guattari hat die kleine Literatur drei Merkmale, “Deterritorialisierung der Sprache”, “Koppelung des Individuellen ans unmittelbar Politische”, und “kollektive Aussageverkettung”. Diese Merkmale dienen zum einheitlichen Zusammenhalten des nationalen Bewußtseins. Das wird nicht etwa durch die einheitliche Geschichte oder durch die intersubjektive Vereinigung erreicht. Die kleine Literatur versteht Kafka vielmehr als „Tagebuchführen einer Nation, das etwas ganz anderes ist als Geschichtsschreibung„. Damit betont Kafka die Vielfalt der Teile statt eines einheitlichen Ganzen.
Dieser Entwurf kommt in Kafkas späteren Erzählungen zum Ausdruck, Beim Bau der Chinesischen Mauer und Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse, in denen Legenden oder Sagen eine große Rolle spielen. Diese Erzählformen wird durch ein diskontinuierliches Nebeneinander der Teile gekennzeichnet, wie das Tagebuch.
In Beim Bau der Chinesischen Mauer thematisiert Kafka das gewaltige Mauerwerk Chinas und das Kaisertum. Die Mauer, die durch das System des Teilbaus wegen des unermesslich großen Raums gebaut wird, produziert immer wieder eine neue Legende. Der Inhalt der Legende ist weder nachprüfbar noch feststellbar. Trotzdem haben die mannigfaltigen kleinen Erzählungen über den Mauerbau die Funktion, die Selbstüberwindung des Einzelnen zu ermöglichen und das Volk zur Einheitlichkeit zu führen. Der Kaiser existiert auch nur in der Legende, in der die Hierarchie zwischen Oben und Unten praktisch nicht funktioniert. Die Folge ist ein gewissermaßen freies, unbeherrschtes Leben.
In Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse entwirft Kafka eine Sagenwelt, in der alle Mitglieder des Volkes ranggleich sind. Die Erzählung konzentriert sich auf die Frage, wie das einzelne Pfeifen, das jeder als eine charakteristische Lebensäußerung hervorbringt, denn als eine eigenständige Kunst, wie Josefine es behauptet, aufzunehmen sei. Josefines Behauptung widerspricht anscheinend dem Umstand, daß alle gleich sind. Aber die Gleichheit impliziert, daß jeder die potentielle Möglichkeit hat, ein Held oder ein Künstler zu sein. Im Bewußtsein des Volkes ist Josefines Musik auf die größte mögliche Nichtigkeit, das Pfeifen, reduziert. Obwohl Josefine die Einzigartigkeit ihrer Stimme behauptet, liegt ihre Leistung vielmehr in der Allgemeingültigkeit ihres Pfeifens. Selbst wenn Josefine als das Zeichen eines Protestes verschwindet, ist ihre Musik weder einmalig noch letztmalig. Sie ist nur eine kleine Episode in der ewigen Geschichte, die einem der zahllosen Helden gehört.