Die Forschung über Karl Kraus und vor allem über seine Werke ist immer noch sehr beschränkt, und dies nicht nur in der koreanischen Germanistik, sondern auch im deutschsprachigen Raum. Ein Grund, weshalb er im Vergleich mit den Arbeiten seiner Zeitgen ...
Die Forschung über Karl Kraus und vor allem über seine Werke ist immer noch sehr beschränkt, und dies nicht nur in der koreanischen Germanistik, sondern auch im deutschsprachigen Raum. Ein Grund, weshalb er im Vergleich mit den Arbeiten seiner Zeitgenossen wie Hofmannsthal, Schnitzler u. a. sogar in der österreichischen Germanistik vernachlässigt wird, liegt darin, dass sich Kraus mit exzentrischen Kunstmitteln beschäftigte: Satire und Kulturkritik.
Als Kulturkritiker und auch als Moralist versucht Kraus vor allem, seine kulturkritische Position und die Wahrheit ex negativo zum Ausdruck zu bringen. Mit den Satiren artikuliert er seine Einstellung zum kommenden Untergang der Menschheit, und zwar im Modus der Beerdigung der Metaphysik. Auf die Erfahrungen des Sprachverfalls durch den Journalismus und die Verfälschungen der Presse reagierte er mit seiner scharfen Sprachkritik. Er sieht ein, daß die Entwicklung der damaligen Sprache weder aufzuhalten, noch rückgängig zu machen ist, daß sie durch die Wissenschaften in die Spezialisierung und aus der Aufklärung in die instrumentelle Verfügbarkeit über Menschen getrieben wird und daher nicht mehr Ausdruck der Menschenseele ist. Aus dieser Einsicht heraus versucht er der Sprache neue Flexibilität zu verleihen. Seine zentrale Absicht mit diesem Engagement war die ‘Emanzipation durch Sprache’.
Mit dieser Einstellung schreibt Kraus in seinem Theaterstück Die letzten Tage der Menschheit seine eigenen Gedanken nieder. Darin versucht er, nicht nur, die Verkümmerung der erlebten zur gebrauchten Sprache zu kritisieren, sondern auch zu bekämpfen. Die in dieser Arbeit eingehend untersuchten Darstellungen sind nur die Fetzen von Bildern der untergehenden habsburgischen Monarchie im Ersten Weltkrieg. Vom Sarajewo-Attentat bis zum militärischen Zusammenbruch werden über 220 Szenen dargestellt. Die Handlungen zeigen Vielheit und Dispersion, wodurch die Zusammenhänge aber verdeckt werden. Sie geben solcher atektonischen Dramenstruktur den Charakter des Unabgerundeten. Das Geschehen setzt unvermittelt ein, und es bricht unvermittelt ab. Die Geschehnisse sind innerhalb dieser Scheingrenzen nicht kontinuierlich schlüssig, sondern punktuell interruptiv, nicht einer Entwicklung folgend, sondern Gleichwertiges reihend. Kraus kritisierte mit dieser dramatischen Form die Zeit, indem er die kritische Situation bloß darstellt, aber nicht direkt interpretiert.
Dieser Struktur entspricht es, dass er sich anstrengt, künstlerische Autonomie der Sprache herzustellen, ohne ihrem mitteilenden Aspekt Gewalt anzutun. Und ferner entspricht sie seinem Gedanken, dass die metaphysische Welt der Habsburgischen Tradition verfallen ist. Diese Absicht wird in Form des Integrationspunktes angedeutet, daß die Menschheit beinahe vor der Tür des Unterganges steht und nicht mehr davon loslassen wird. Die Kraus-Auslegung wird erst dadurch sinnvoll, dass man ihn nicht bloß aus dem erkenntnistheoretisch-ästhetischen Verständnis, sondern aus dem kulturell-semiotischen Erlebnis zu erschließen sucht.