In der vorliegenden Studie wird die These vertreten, daß die ontopoeto- logische Dimension der Spätlyrik nach den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus von Rilke durch eine Affinität mit der zenbuddhistischen Meditation gekennzeichnet sei. Unte ...
In der vorliegenden Studie wird die These vertreten, daß die ontopoeto- logische Dimension der Spätlyrik nach den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus von Rilke durch eine Affinität mit der zenbuddhistischen Meditation gekennzeichnet sei. Untermauert wird diese These durch die Überprüfung der Entwicklung der poetisch-poetologischen Thematik von der Anfangs- bis Spätzeit Rilkes. Dabei ergibt sich, daß es sich beim meditativen Charakter der Spätlyrik Rilkes um die Endphase einer langen, stets neuorientierenden Thematisierung der poetischen Selbstreflexion handelt.
In den früheren Gedichten dominiert die dichterische Selbstbehauptung im Zusammenhang mit der Kritik an der 'falsch' benutzten Alltagssprache. Das sogenannte 'Ding-Gedicht' in den Neuen Gedichten stellt, im Gegensatz zur Behauptung, das Subjektive für die sprachliche Ausformung der objektiven Dinge unterdrückt zu haben, die sichtbar gewordene Form des genuin poetischen Schauens dar.
Die Krise, die sowohl dichterisch als auch existentiell in das Leben Rilkes tief eingriff, versuchte er durch das neue Ideal des poetischen 'Daseins' zu überwinden. Die beiden Zyklen Elegien und Sonette thematisieren im großen Bogen der Dialektik die Abkehr von dem herkömlichen Seins-Ideal und das entschlossene Bekenntnis zu den negativen Bedingungen der Existenz. Das Dasein, das zwischen Sein und Nicht-Sein situiert wird, bedeutet nichts anderes als die künstlerisch verwandelte Gestalt dieses 'elegisch-ethischen' Bekenntnisses zum paradoxen Sinn von Leben und Tod. In dem letzten 55. Sonett an Orpheus wird der Zuspruch zu dieser Paradoxie gerade der poetische Imperativ.
In den Rilke-Forschungen wird mehrmals darauf hingewiesen, daß die nach diesen Zyklen geschriebenen ca. 200 Gedichte, abgesehen von den Gedichten in französischer Sprache, keine Gemeinsamkeit aufweisen, damit sie in irgendeiner zyklischen Form zusammenzustellen wären, was sonst bei Rilke sehr üblich gewesen war, In einigen Gedichten an die Nacht zeigt sich, wie das lyrische Ich unter der Orientierungslosigkeit leidet. Obwohl das Ich sein Wagnis beteuert, in der Nacht zu sein, kann es den Zustand der unio mystica niemals erreichen. In einem Vierzeiler über Abschied fungiert die Nacht nur als eine gestaltlose Leere, in der das Ich „sich an Ferne/ erprobt und an dem Fernsten sich erkennt“. Hier wird deutlich, daß sich die poetisch-poetologische Reflexion Rilkes in seiner letzten Schaffensperiode der zenbuddhistischen Meditation, deren Ziel die Realisation der Selbst- und Substanzlosigkeit alles Seienden ist, nähert.
Mit dieser ontopoetologischen Thematik im ganzen Schaffensprozeß läßt sich Rilke an die Tradition der Transzendentalpoesie der deutschen Frühromantik anschließen.