Im Roman Die letzte Welt setzt sich Ransmayr mit dem Leben des römischen Dichters Ovid und seinem verloren geglaubten Werk Metamorphosen auseinander. Die Rezeption von Ovids Mythen und die Konfrontation der antiken Stoffe mit den gegenwärtigen Interes ...
Im Roman Die letzte Welt setzt sich Ransmayr mit dem Leben des römischen Dichters Ovid und seinem verloren geglaubten Werk Metamorphosen auseinander. Die Rezeption von Ovids Mythen und die Konfrontation der antiken Stoffe mit den gegenwärtigen Interessen sind ein Grundelement dieses Romans.
Die letzte Welt hat eine mehrschichtige Erzählstruktur, die es ermöglicht, diesen Text sehr verschieden zu interpretieren. Er läßt sich zunächst als eine Art
‘Anti-Bildungsroman’ lesen, denn die Hauptfigur dieses Romans, Cotta - er macht sich auf den Weg nach Tomi, um den aus Rom verbannten Dichter Ovid und sein Lebenswerk Metamorphosen zu suchen - begreift erst dann die mysteriösen Naturerscheinungen und die Verwandlungen in Tomi, als er das logische Denken und die Vernunft aufgibt. Der Bildungsprozess findet bei ihm in umgekehrter Richtung statt. Cottas aufgeklärtes,logisches Denken, das in diesem Roman das römische Reich, nämlich das Zentrum der Welt, symbolisiert, erweist sich angesichts der mysteriösen Naturerscheinungen im Dorf Tomi als völlig untauglich.
Das Spannungsverhältnis zwischen Staatsmacht (als totalitäres, diktatorisches Regime) und Kunst (als freier Geist) durchzieht das ganze Werk. Ransmayr projiziert zweimal die neuen Menschentypen, die nach dem Weltuntergang entstehen. Die neu geborenen ‘Ameisenvölker’ auf der Insel Aegina, in der alle Bewohner an der Pest gestorben sind, und die Menschheit aus Kieseln und Steinen, die nach der Sintflut aus dem Morast entsteht, haben darin die Gemeinsamkeit, dass sie ohne jegliche Gefühle der
Liebe, des Hasses oder der Trauer nur ihrem Herrscher dienen, bald als Arbeiter, bald als Sklaven oder als Kämpfer. In diesem ‘Arbeiter’-Bild kann man eine Warnung vor dem Faschismus erkennen.
Die letzte Welt zeigt außerdem eine postmoderne Konstellation. Unterschiedliche Zeitalter werden vom Autor bewußt gemischt, indem im alten Rom z.B. der Bus fährt oder die Zeitungen erscheinen. Neben dieser Enthistorisierung hat dieser Roman einen postkolonialen Charakter. Der Schauplatz Tomi ist ein abgelegener Ort an der Küste im Schwarzen Meer und zugleich ein Verbannungsort. Er ist aus der Sicht der Römer Ende der Welt. Während jedoch in Rom der frühere kulturelle Glanz ausgeglüht hat und nun nur noch Manierismus, Lethargie und Genuß verbreitet sind, hegt Tomi das Potential, das veralterte Zentrum wieder zu erneuern bzw. zu ersetzen. Die bislang völlig außer Acht gelassene Peripherie und ihre Probleme rücken hierbei an die Stelle des Zentrums.