Heinrich Böll (1917-1985) bestimmt die Aufgabe der Literatur als Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land und versucht dadurch ein menschenwürdiges Leben in einer zunehmend inhumanen Gesellschaft zu ermöglichen. In seinen Frankfu ...
Heinrich Böll (1917-1985) bestimmt die Aufgabe der Literatur als Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land und versucht dadurch ein menschenwürdiges Leben in einer zunehmend inhumanen Gesellschaft zu ermöglichen. In seinen Frankfurter Vorlesungen sagt Böll, daß er sich für zeitgenössische Probleme interessiert. Obwohl er als einzelner schreibe, habe er nie einzeln empfunden, sondern gebundenen, gebunden an Zeit und Zeitgenossenschaft, daran gebunden, aber nicht unterworfen.
Diese vorliegende Arbeit wird in vier Kapitel gegliedert.
1. Der Hintergrund der Erzählung Bölls: Zu Beginn der 70er Jahre sieht Böll einen neuen Rassismus und einen nackten Faschismus, so daß er den Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?‟ am 10. Januar 1972 im Spiegel schreibt. Mit seinem Spiegelartikel wollte Böll die irrsinnig hysterische Atmosphäre entspannen, und das Hetzklima abbauen, aber es mißlang ihm völlig. Nach seiner eigenen Auseinandersetzung mit der Presse und der Gesellschaft wurde die Erzählung 『Kathrina Blum』 in 1974 veröffentlicht. Daher meinten manche Literaturkritiker, daß diese Erzählung eine Rache des Autors sei, oder daß Böll die Terroristen verteidigen wolle. Böll betont aber im Nachwort der Erzählung, es gebe in dieser Erzählung keinen einzigen Terroristen, auch keine Terroristin.
2. Die Pressefreiheit und deren Begrenztheit: In einem demokratischen Rechtsstaat ist die verfassungsrechtliche Garantie der Pressefreiheit eine Selbstverständlichkeit. Sie hat aber da ihre Grenzen, wo der politische Gegner diffamiert wird, wo die Würde des Menschen stark verletzt wird und er dadurch die Ehre verliert.
3. Die Gewalttätigkeit der ZEITUNG und der SONNTAGSZEITUNG und deren Eskalation: Durch die Berichterstattung von ZEITUNG und SONNTAGSZEITUNG entsteht eine Scheinrealität. Die Hauptfigur Katharina wird eines Tages zum Mittelpunkt der Sensationsmache und Polithetze der Boulevardzeitung, weil sie einem des Bankraubs und Mordes Verdächtigen bei seiner Flucht geholfen hat. Durch Verleumdung, Verdrehung und Verfälschung der Presse lernt sie die inhumanen Praktiken von Staatsanwaltschaft, Polizeibehörde und der ZEITUNG kennen. Von Anfang an wurde der Fall Katharinas in einem Zusammenhang von Sexualität, Verbrechertum und Kommunismus berichtet.
Nach den Berichterstattungen erhält Katharina anonyme Anrufe und Briefe voller sexueller Belästigungen. Sowohl die politischen Beschimpfungen als auch die religiöse Warnung erreichen sie. Auch das zu Katharina freundliche Ehepaar Blorna, bei dem Kathrina arbeitet, und Frau Woltersheim, die sich seit der Kindheit herzlich um Katharina kümmert, werden in den Berichterstattungen als Kommunisten bezeichnet. Diese, die die verbale Gewalt der Presse und der Nachbarschaft erlebt haben, sind selber schrittweise psychologisch gegenterrorisiert. Am Ende erschießt Katharina den Reporter der ZEITUNG.
Die ZEITUNG und die SONNTAGSZEITUNG verletzen andauernd das oberste Gebot der Nachrichtenübermittlung: Die Trennung von Tatsachen und Meinungen. Sie vermischen Fakten mit Meinungen und sprechen von scheinbaren, verfälschten Fakten. Der Zwiespalt zwischen tatsächlichem und berichtetem Geschehen vergrößert sich so sehr, daß Gegengewalt provoziert wird, weil es keine legale Möglichkeit zur Wiederherstellung der Wahrheit gibt.
4. Schlußwort: In der Art und Weise wie die Presse darüber schreibt, ist Sozialismus identisch mit den Begriffen Amoralität, Radikalität, Verschwörung und Verbrechen. Damit hat die ZEITUNG ihr Ziel erreicht: Sie richtet die durch die Berichterstattung herbeigeführten Aggressionen der Leserschaft auf das von ihr geschaffene Feindbild. Solche Diffamierungen, Lügen, Sensationalisierung und Eskalation sind für die Presse die Garantie, ihre marktwirtschaftliche Position durch hohe Auflageziffern zu stärken und so die geschilderten politischen Intentionen zu verwirklichen. Gegen diese Presse richtet Katharina die Sanktion der Gegengewalt.
In dieser Hinsicht stellt die Erzählung Bölls uns die Frage, wie das Menschenrecht und das Privatleben in der gegenwärtigen und auch in der zukünftigen Gesellschaft, wo persönliche Daten ohne öffentliche, moralische Kontrolle leicht und schnell verbreitet werden, geschützt werden können. Eine pessimistische Antwort darauf könnte Katharinas Fall sein, wenn wir keine passenden Sanktionen für den Schutz des Privatlebens und Kontrolle der schnellen, unkontrollierbaren Informationsverbreitung moralisch, juristisch, weltkooperativ durchsetzen.