So wie Schiller und Hölderlin, beide aus Schwaben, gemeinsame zeitgenössische Erlebnisse teilten, so ist auch ihren Werken ähnliches Problembewußtsein eingeprägt. Für beide Dichter gilt, daß Dichtung und Philosophie in enger Beziehung stehen. Während ...
So wie Schiller und Hölderlin, beide aus Schwaben, gemeinsame zeitgenössische Erlebnisse teilten, so ist auch ihren Werken ähnliches Problembewußtsein eingeprägt. Für beide Dichter gilt, daß Dichtung und Philosophie in enger Beziehung stehen. Während Schiller unter dem Einfluß von Kant die Schönheitsphilosophie bzw. die ästhetische Bildung der Einzelnen bevorzugt, befürwortet Hölderlin eher die Sache des Ganzen und die chiliastisch gefärbte geschichtsphilosophische Naturansicht, indem er sich auf den platonischen Idealismus sowie den spinozistischen Pantheismus beruft.
Schiller beklagt die Zersplitterung der menschlichen Natur, die durch Arbeitsteilung, Klassenunterschiede, Verfall der Kultur und vor allem in den Greueltaten der Französischen Revolution zu Tage trat. Einen Ausweg aus dieser Situation findet er in nichts anderem als in der ästhetischen Erziehung des Menschen, denn er sieht im Menschen eine idealistische Tendenz zur Vollkommenheit. Dabei unterscheidet Schiller den Stofftrieb und den Formtrieb als die zwei Haupttriebe im Menschen, und den Spieltrieb als einen idealischen Ausgleich jener Triebe, wodurch allein die Schönheit erzeugt werden soll.
Für den Hyperion ist zu konstatieren, daß Hölderlin durch den Mund seines Helden eine Kritik an der naturfernen Kultur der Deutschen übt, die in dem eigenen Fach allein versunken ohne Begeisterung dahinleben. Es wird also nahegelegt, daß die durch Arbeitsteilung verursachte Zersplitterung der menschlichen Natur durch eine naturverwandte allseitige Bildung des Menschen wettgemacht werden muß. Diese Position von Hölderlin ist zwar der von Schiller ähnlich, jedoch läßt sich ein Unterschied daran festmachen, daß bei Hölderlin der Hinweis auf die notwendige Bildung der Nation durch die Abfolge von Aktion und Reflexion hervorgebracht wird. Wenn man davon ausgeht, daß im Roman Hyperion die altgriechische Zeit durch Erinnerung mit der Zeit Hölderlins in einen Dialog gebracht wird, so ist die Verbindung von Gespräch und Erinnerung in den Gedichten Der Abschied und Andenken leicht zu verstehen. In den späten Hymnen Friedensfeier und Patmos wird dann ein Gespräch zwischen Natur und Geschichte vor dem Hintergrund einer heilsgeschichtlichen Vision im hermeneutischen Bewußtsein vermittelt.
Zum Schluß ist zu bemerken, daß Schiller und Hölderlin beide sich ihrer geschichtlichen Lage bewußt waren und daß sie bestrebt waren, ein Gespräch zwischen der Antike und der Moderne zu veranlassen. Den aus ihrem zeitgenössischen Problembewußtsein heraus motivierten intellektuellen Versuch beider Dichter, jeweils eine Antwort auf die dringenden Fragen der Zeit zu geben, könnte man wohl im Gegensatz zu der von Schleiermacher und Friedrich Schlegel vertretenen ‘romantischen Hermeneutik’ als eine ‘klassische Hermeneutik’ betrachten. Es ist nämlich bemerkenswert, daß sowohl Schiller als auch Hölderlin auf die Tradition und ein Gespräch mit ihr großen Wert legten.