Seit 1970 hat sich Hysterie zum Zeichen des Aufbegehrens von Frauen gegen die patriarchalischen Kulturinstitutionen im Rahmen des Sich-Ausdrückens der
Frauen entwickelt. Hysterie, die in der abendländischen Tradition als weibliche Krankheit par e ...
Seit 1970 hat sich Hysterie zum Zeichen des Aufbegehrens von Frauen gegen die patriarchalischen Kulturinstitutionen im Rahmen des Sich-Ausdrückens der
Frauen entwickelt. Hysterie, die in der abendländischen Tradition als weibliche Krankheit par exellence galt, neben der Melancholie , deren Name für die männliche Krankheit par exellence stand, steht in der Mitte der Metonymienketten der nicht-rationalen und antilogischen Erfahrungen und Denkweisen. Die Hysterie, die die Sprache in den Körper und den Körper in die Sprache verwandelt, ist der Weg, auf dem die verschiedenartigen Stimmen der Anderen, denen der Weg in die Geschichte der Vernunft versperrt geblieben war, sich zum Ausdruck gebracht hatten, und dementspre chend bietet sie eine hervorragende Methode, die hiermit verbundenen Probleme und Phänomene zu entziffern.
Die Hysteriker(in) ist vor allem die/derjenige, die/der eigene Erfahrung zu erzählen hat. Paradoxerweise aber wird diese Geschichte von der Instanz der Wissenschaft einseitig oder gar falsch gesehen. Von Bedeutung ist daher nun bei der Hysterie die Frage nach den umherwandernden `Geschichten´. Es geht um die Frage danach, wem die Geschichte gehört. Die Feministinnen, die den tradierten Hysterie-Diskurs neu zu lesen, ja, `gegen den Strich´ zu bürsten versucht haben, stellten gerade diese Frage in den Mittelpunkt. Wie Foucault aufgewiesen hat, hat die Macht des Wissens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den Körper der Frauen hysterisiert. Und dieser Mechanismus wrid zu einem sehr ernstzunehmenden Problem in der Zeit der Kulturindustrie in der Globalizationsära, so daß der Hystrie-Diskurs im Rahmen der Frauenerfahrung so wie der Sprachen der Frauen wieder aktuell wird.
Für das richtige Verständnis der Hysterie ist am wichtigsten, sich klar zu machen, daß sie ein symptomatisches Phänomenon ist, das nur im Kontext der Struktur der Verhältnisse zu erklären ist. Hysterie unterwirft sich nicht den Funktionen und den Prinzipien, die das abendländische Denken dem Körper vorgeschrieben bzw. verschrieben hat. Daher wurde alles als `hysterisch´ bezeichnet, was sich in die Kategorie `Normalität´ nicht integrieren läßt, je nach dem, was jeweils `Normalität´ genannt wird.
Unter dem Aspekt der Verweigerung gegenüber den herrschenden Körperge-setzen ist es nun die theatralische Form, die Maskerade der Hysterie, die die Betrachter von Hysterikerinnen am stärksten anziehen. Die Hysterikerinnen inszenieren ihre Anfälle bzw. ihre Symptome nach vorherdiagnostizierten Modellen der Anormalität. Durch ihre so inszenierten Symptome bringen sie die Widersprüchlichkeit ans Licht, daß jeder Zustand der `Normalität´ der Frauen zur Krankheit wird, was die fiktionale Logik, die hinter der Frauenkrankheit steckt, als solche entpuppt. Auf diese Art und Weise scheinen einerseits die hysterischen Symptome die Theorie über die Hysterie sich zu beweisen, aber andererseits ist der Einwand gegen sie in diesen Beweisen enthalten.
Und wie Doras Fall exemplarische zeigt, ist die Hysterie eine andere Tradition des Sprechens, die dem Diskurs des Familienromans, den der Familienvater erzählt, entgegenerzählt wird. Der Roman von Elfriede Jelinek Die Klavierspielerin bietet sich der Interpretation eines literarischen Textes anhand des psychoanalytischen Diskurses von Hysterie an. Erica Kohut, Professorin am Konservatorium in Wien, spielt die Rolle des Vaters ihrer Mutter gegenüber. Sie, unter der strengen Aufsicht der Mutter selbst von allerkleinsten sexuellen Versuchungen ferngehalten, spielt auch das voyeuristische Subjekt, indem sie zum Beispiel eine Peepshow besucht. Es ist ihr nicht gelungen, eine eigene Sexualität zu finden oder zu wählen; sie ist weder weiblich noch männlich.
In Bezug auf die sexuelle Identität weist die Hysterie auf den nicht vollendeten Ödipuskomplex wie auch auf den Komplex der Kastration hin: Sie gehorcht dem Gesetz der symbolischen Ordnung, aber gleichzeitig spricht sie ihm die Macht ab. Indem sie keine Entscheidung trifft, macht sie die sexuelle Identität zum Spiel im Werden. Daher steht die Hysterie an der Grenze der Weiblichkeit und der Männlichkeit, und so läßt sich erkennen, daß der Körper die soziale Struktur , die auf Gender und Begierden aufgebaut ist, überschreitet. DIe inzestuöse Beziehung Eiricas, die die Position des Phallus einnimmt, obwohl sie nicht zum Phallus werden kann, zur Mutter, zeigt dies exemplarisch.